Die Druckbranche im Wandel vom Handwerk zur Industrie
Kaum ein Handwerk unterlag einer so rasanten Technisierung wie „die Schwarze Kunst“, das Druckhandwerk. Erst der Wechsel vom Blei- auf den Fotosatz; dann Desktop Publishing und später Computer-to-Plate, durch die ganze Berufsbilder verschwanden. Und schließlich dann das Aufkommen des Digitaldrucks. All diese technologischen Neuerungen haben Druckereien noch recht gut abbilden können. 

Dann aber kam das Internet und sorgte für einen tiefgreifenden Wandel der Mediennutzung – weg von Print und hin zu Online. Spätestens seitdem befindet sich das Druckhandwerk in starken Turbulenzen. Die Umsatzentwicklung stagniert – laut dem Bundesverband Druck und Medien liegt der Umsatz der Druck- und Medienunternehmen in Deutschland seit 2008 recht konstant bei rund 20 Milliarden Euro. 

Jeden Arbeitstag ein Druckbetrieb weniger

Das führte natürlich zu einem harten Verdrängungswettbewerb. Das Ergebnis: Von 2008 bis 2020 verschwanden 3.225 Druckereien vom Markt – praktisch an jedem Arbeitstag in diesen zwölf Jahren ein Druckbetrieb weniger.

Dazu kommt, dass sich auch die traditionelle Vertriebsstruktur komplett geändert hat. Zum einen sind die Druckbetriebe durch die allseits moderne Produktionstechnik sehr vergleichbar geworden. Qualität und Termintreue, in früheren Zeiten oft noch Alleinstellungsmerkmale und Elemente der Kundenbindung, sind Standard.

Kunden sind scheue Rehe

Zum anderen werden die lang gewohnten engen Kundenbeziehungen immer brüchiger, die Loyalität der Kunden ist im Sinkflug. Kein Wunder, buhlen doch Online-Druckportale mit günstigen Preisen für standardisierte Druckprodukte um Aufträge. 

Diese Online-Druckereien haben die Palette der möglichen Druckerzeugnisse über die Jahre ständig erweitert – konnten zu Beginn eher einfachere Drucksachen wie Geschäftsausstattungen, Flyer, Folder und ähnliches bestellt werden, wurde das Web-to-Print-Geschäft längst auf Kataloge, Bücher, Etiketten, Fahrzeugbeschriftungen, Magazine und vieles mehr ausgeweitet.

Die Online-Druckereien stehen für die Industrialisierung der Druckbranche. Sie bieten ihre Services überregional an, neue Technologien werden schnell adaptiert, Angebote und Geschäftsmodelle flexibel den Anforderungen des Marktes und der Kunden angepasst. Hocheffizient stellen sie individualisierte Produkte auch in sehr kleinen Auflagen her.

Handwerk gegen Industrie

Klassisch handwerklich arbeitende Druckbetriebe mit traditionellen Strukturen können da nicht mithalten. Aber allzu oft wird der Wandel vom Handwerk zur industriellen Fertigung verpasst. 

Viele Druckereien kalkulieren noch im Vertrauen auf ihre langjährige Erfahrung aus dem Bauch heraus, ohne die Herstellungskosten als Basis des Verkaufspreises sauber zu ermitteln. Nachkalkulationen sowie Einkaufsmanagement und Kostencontrolling finden oft nicht statt. 

All das war zu Zeiten großer Auflagen mit komfortablen Margen auch noch machbar – mit den heutigen schmalen Gewinnspannen kann das aber schnell gefährlich werden.

Digitalisierung der Prozesse ein Stiefkind

Dieser Entwicklung ist nur durch die Digitalisierung der Geschäftsprozesse beizukommen – aber während Druckereien kontinuierlich in moderne Produktionstechnik investiert haben, wurde dieser Aspekt meist außer Acht gelassen.

Die zur Preisfindung, Auftragsabwicklung und Produktionssteuerung eingesetzte Software stammt in der Regel aus einer Zeit, in der die heutige Form der Druckindustrie schlicht noch Science Fiction war. Das gilt sowohl für die Gestaltung der Prozesse als auch die Architektur solcher Programme. 

Diese Systeme dieser „Generation One“ sind überwiegend klassisch Client-/Server-basiert und in Administration und Anwendung komplex und nicht bedienungsfreundlich. Funktionen für die praktikable und flexible Planung und Materialverwaltung sind oft Fehlanzeige – ganz zu schweigen von offenen Schnittstellen für die Konnektivität zwischen verschiedenen Programmen oder gar zu Maschinen.

Dies führt zu enormem Aufwand in der Auftragsabwicklung, sie wird durch die Vielzahl immer noch manueller zum Flaschenhals für alle Abläufe in Administration und Produktion. Es sind eben Systeme ihrer Zeit, damals nicht schlecht, heute aber oft ohne Perspektive. Den heutigen Anforderungen in der Druckindustrie können sie nicht mehr entsprechen.
 

Die digitale Transformation ist unumgänglich

Im Rahmen der dringend notwendigen digitalen Transformation von Druckereien gilt es, die Abläufe mit Hilfe von Software „to the max“ zu optimieren. Das funktioniert nur über die Standardisierung und Automatisierung der Prozesse. Eine weitere Voraussetzung ist der bidirektionale Datenaustausch zwischen möglichst allen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg eingesetzten Systeme. Beide Aspekte sind Merkmale einer industriellen Produktion.

Nur die Unternehmen der Druckindustrie, die sich der Digitalisierung öffnen und die Weichen in die richtige Richtung stellen, werden auf Dauer eine Zukunftsperspektive haben.

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In unserem nächsten Blogpost befassen wir uns mit der größten Hürde bei der Digitalisierung – und dabei handelt es sich nicht um Soft- oder Hardware.